Kohlberger G´schichten

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Verfasser: Johann MüllerDatum: 23.05.2005
Die große Sau vom Faßlbiener


Kohlberg. Guten Erzählern hört man immer gerne zu. Der Houfmichel-Karl-Heinz ist so einer. Da spürt man, daß ihm so eine „Gschicht“ selbst Spaß macht, wenn er sie bringt. Wie er die von der „Trumm Sau vom Faßlbiener“ zum Besten gab, hat er öfter dabei gelacht und seine Hände haben ‚miterzählt’, wie es damals gewesen ist. Vielleicht wissen Sie, liebe Leser, ja schon daß der Kohlberger Faßlbiener nach dem letzten Krieg eine kleine Landwirtschaft sein Eigen nannte, die Stube voller Kinder hatte, Geld und Essen mehr als knapp waren und er sich als Büttner seinen Verdienst auf den Bauernhöfen hart erarbeiten mußte.

Gern gesehen hat man ihn in den Wirtshäusern, was aber – mangels ‚Pulver’ – doch recht selten war. Hatte er aber den Bierkrug in der Hand, dann gab’s oft auch eine deftige „Gschicht“ für die Zuhörer. So gut erzählt, daß sie auch nach einem halben Jahrhundert noch hin und wieder am Stammtisch „ááfg’wirmt“ wird. Mit seinem lockeren Mundwerk und seinem Schalk hat der Faßlbiener in der schlechten Zeit nach dem Krieg die Leute unterhalten, manchen Zeitgenossen aber auch ganz schön geärgert. Er konnte sich und seine Welt aber auch auf die „Schippe“ nehmen, was ihn sehr sympathisch machte. Seine „Gschichten“ sind alle aus dem Leben von damals gegriffen.

Zum Leben in der Winterszeit gehörte es auf den Höfen, daß jedes Jahr - neben den Gänsen - auch ein Schwein „dran glauben“ mußte. Monatelang im Saustall oder Holzkoben sorgfältig gemästet, ging es der armen Sau eines kalten Tages an den Kragen. Damals waren beim Schweinefleisch ganz andere Merkmale gefragt als heute: groß und rundum schön fett mußte das Tier sein, wenn der Hausmetzger kam. Gelegentlich wurden auch mehrjährige Mutterschweine – „Zuchtl’n“ von beachtlicher Größe geschlachtet. So groß, daß man schon mal Mühe hatte, die Tiere aus den kleinen Öffnungen der Holzkoben heraus zu bugsieren.

„Gemetzgert“ haben im Ort mehrere Männer. Der „alt’ Schneinderkanners“ war einer davon. „Der hout fei sááwer g’orbert, des mou má scho sogn“, bemerkt der Houfmichel-Karl-Heinz ausdrücklich. Aus dem Mund eines Landwirts ist dies wohl das höchste Lob, das man für Qualitätsarbeit erhalten kann. Es umfaßt nicht nur die „saubere Arbeit“ beim Schlachten, sondern bezieht sich auch auf die Qualität von Würsten, Preßsack, Dosenfleisch und was die Sau sonst noch hergab. „Schneinderkanners“ ist natürlich der Hausname. ‚Richtig’ hieß dieser gefragte Metzger Johann Forster. Sein Sohn – „dá gung Schneinderkanners“ - hat auch dieses Handwerk gelernt, dann aber ‚umg’sattelt’. Stolz zeigt er mir die Werkzeuge seines Vaters. Die „grouß’ Hacker“ mit dem Dorn auf der Axt-Rückseite, mehrere Messer mit Holzgriff, denen man ansieht, daß sie oft in Gebrauch waren und den Schußapparat. Er hält sie in Ehren.

Meist war es noch dunkel, wenn der Metzger sein Arbeitsgerät aus dem Rucksack holte. Der „Sautrog“ zum Abbrühen stand schon bereit, der „Schrogen“ lehnte zusammengesteckt an der Stallwand und die „Weiberleit“ verschwanden im Haus, weil sie das Quiecken des Schweins in seiner Todesangst nicht hören wollten. Mit gutem Zureden und Anschubsen wurde das Tier aus dem warmen Stall herausbugsiert. Dann - meist mit dem rechten Hinterbein - an eine Öse in der Wand angebunden. Bereits als kleine Schulbuben mußten wir das „Säu-Schwánzl“ beim Abschlachten festhalten, was dem „Schweindl“ natürlich nicht behagte. Ergebnis: es keilte aus und traf das Schienbein. Dann: ein vor Schmerzen plärrender Bub, die Bemerkung des Vaters: „Du bist z’bläid zum Schwánzl-haltn“ und ein noch mehr beunruhigter „Todeskandidat“. Ich habe erst viel später begriffen, daß wir Burschen bei der „Prozedur: Schwánzl-halten“ an die Arbeit des Tötens gewöhnt werden sollten.

Bevor die Schußapparate auch bei den Hausmetzgern üblich wurden, mußte dem Tier mit einem kräftigen Schlag mit dem Dorn auf der flachen Axtseite die Schädeldecke an der Stirn eingeschlagen werden. Das war der wohl gefährlichste Moment – auch für den Metzger. Blitzschnell konnten die Schweine den Kopf zur Seite drehen - und der Hieb ging teilweise daneben. Da wurde das Schlachten dann zum brutalen Handwerk. Gute Metzger – wie der „Schneinderkanners“ – hatten aber ein Gespür für den richtigen Moment. Nachdem es ‚vom Schlag getroffen’ dalag, wurde die Pulsader des toten Tieres geöffnet und der Rest - bis zur dampfenden Schlachtschüssel - war Routine.

Erklärt werden sollte vielleicht noch, was ein „Deichsel-Loch“ ist. Kühe, Ochsen und - bei den größeren Bauern – Pferde zogen auf den Höfen die „Loitterwáágn“ (Leiterwägen). In deren Vorderachse steckte die Deichsel, daran wurden die Tiere – vorne und hinten - angeschirrt. Da die Wägen dadurch ziemlich lang für die „Schtáádl“ (Scheunen) waren, hat man kurzerhand in die – hinteren – Scheunentore Öffnungen eingearbeitet. Durch diese Löcher in einer Größe von etwa dreißig mal dreißig Zentimetern ragte die Holzdeichsel aus der Unterstellmöglichkeit in den – dahinterliegenden – Garten, der wertvolle Leiterwagen dagegen war „unter Dach“. Doch jetzt endlich zum Faßlbiener seiner großen Sau!

Vier verschiedene Leute haben mir die „Gschicht“ inzwischen in unterschiedlichen Versionen erzählt. Hier ist – in etwa – die vom Houfmichel-Karl-Heinz: „Náále (neulich) wor e vom Schneinderkanners durt, hout dá Faßlbiener aag’fangt. …. Johann, ich häit dou á Sau zin Schlachtn. Wenn kánnt’st ‚n kummá? Ich mou dá ower sogn, des is á Trumm Sau! Dou brauchst scho die grouß Hacker! … Naa, des wern má scho kröign, hout er gsagt. Mir hom ‚n Toch áásgmacht (einen Tag vereinbart) und i ho alles herg’richt (vorbereitet). Wöi er nou dou woar, bringá mir doch döi Trumm Sau gouer niát ás ‚n Kowl (Koben) ásser! Hom má doch glatt ‚n Schtoll z’sammreißn (Stall zerlegen) möin, so grouß woar döi Sau! Wöi má s nou hááráss (heraußen) aabundn ghatt hom, howe zin Johann g’sagt: Hau ner gscheit hi, döi hout án hirtn Schedl! Er schlagt zou - trifft’s – und döi Sau schiettlt ner ‚n Kopf ower fallt niát um! Er haut numal … nu schtirker - hi. Döi zuckt ner und schtöiht allerweil nu! Hau mit dáá Schneindt (Axtschneide), sunst kröign má döi niát hii (tot)! Soch e (sag ich) !“

„Grod wöi dá Metzgá nu á Mal mit dá Hacká (Axt) áászöigt, reißt se döi Sau vom Bandl lous“, berichtete der Faßlbiener den atemlos lauschenden Zuhörern weiter. „Reißt ‚n Schtrick oo (ab), rennt iwern Hof hinte, in’n Schtodl ei! Mir zwoa nouche (hinterher). Dou seágn má’s grod nu, wöi’s durch’s Deichslloch (30 x 30 cm!) in’n Gáttn (Garten) ásseschpringt! Rennt im Saugálopp in’n Schöllmás-Grobn (Schellmesgraben) oi und drunt vom Schátzl i dá Froschau in’n Hof ei! Dou hom mir zwoá uns vielleicht aag’schaut! Mir hom’s nou ower baal g’funner (bald gefunden)! … Wáál ‚s vom Schátzl ás án láárn Hosnschtoll (einem leeren Hasenstall) ássergschaut hout“ Nach einer anderen ‚Version’ soll es sogar ein leerer Taubenschlag gewesen sein. Wie lange der Faßlbiener und seine Kinder an der „Trumm Sau“ zu essen hatten, ist – leider – nicht überliefert.

Nachzutragen ist noch, daß am Schlachttag auch immer der Fleischbeschauer kommen mußte.
Diese – vom Gesetz her vorgegebene – Untersuchung hat in Kohlberg und den umliegenden Orten der „Pius’n-Franz“ gemacht. 34 lange Jahre hat er umsichtig und sorgfältig das Fleisch der geschlachteten Tiere mit dem Mikroskop auf Trichinenbefall hin untersucht. Das sind schmarotzende Fadenwürmer, welche sich im Muskelfleisch einnisten können und beim Verzehr für den Menschen gefährlich werden. Natürlich durften wir Buben nach seiner Untersuchung auch mal durch das Objektiv auf die rosa Fleischmasse zwischen den Glasplättchen schauen. Ich habe immer gehofft, daß sich dort ganz viele kleine Schweinderln tummeln würden und war enttäuscht, daß sich gar nichts rührte. Da hat der „Pius’n-Franz“ leise geschmunzelt und gesagt: „Bou sáá frouch, daß ‚s so is“!
Buschn-Hans
  

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